Ein Schritt zurück – A bare minimum

Nur ein klitzekleiner Schritt, ein erster kleiner Babyschritt kann so viel verändern. Dieses Erlebnis, das viele Eltern in meinem Umfeld bereits erleben durften, hat eine sehr starke, fast schon magische Kraft. Sowohl für die Eltern, als auch für das Kind. Für die Eltern ist es vor allem ein Erfolgserlebnis, ein Meilenstein in der kindlichen Entwicklung. Stolz, Freude und Rührung sind Teil dieses emotionalen Höhepunktes. Für das Kind ist es vor allem der Weg in die Eigenständigkeit, sich frei bewegen, langsam aber sicher auf eigenen Beinen stehen zu können.

Steinzeit-Programme im Hirn

Nun geht es in diesem Artikel aber nicht um Babys, sondern um die Gesellschaft und die Zeit in der sich unsere Gesellschaft gerade befindet. Wir stehen vor enormen, unermesslichen Herausforderungen, die wir uns, wenn wir ehrlich zueinander sind, selbst zuzuschreiben haben. Denn während unser Hirn weiterhin (und zugespitzt formuliert) dessen der Jäger und Sammler gleicht, hat sich unsere Lebenswelt insbesondere in den letzten wenigen Jahrzehnten rasant verändert. Unser Gehirn wird dabei von Reizen, Entscheidungen und Herausforderungen geflutet. Täglich und in jedem Kontext.

Unser Gehirn ist zwar sehr anpassungsfähig doch nach wie vor trägt es viele dieser „Steinzeit-Programme“ in sich. So zum Beispiel reagiert unser Belohnungssystem stark auf Zucker und Fett, früher selten und wertvoll, heute im völligen Übermaß. Stressreaktionen (Kampf oder Flucht) dienten dem Überleben, nicht für chronischen Alltagsstress, unter dem viele von uns leiden. Soziale Zugehörigkeit und Anerkennung waren essentiell, heute finden diese in einer ungesunden Umgebung, siehe beispielsweise Social Media, statt.

Es wundert auf Basis dieser Tatsachen also nicht, dass viele von uns gestresst und überfordert sind. Das wir durch die psychischen Belastungen Suchtverhalten, Angststörungen und Depressionen entwickeln. Doch, so schwarzmalerisch dies zunächst klingt, birgt sich in all dem eine Chance. Die Chance ein besseres Bewusstsein für sich selbst und all die damit verbundenen „alten“ Muster zu entwickeln, seine (wirklichen) Bedürfnisse zu erkennen und ein Stück weit im reinen mit den eigenen Gefühlen und Gedanken zu sein.

Endloses Wachstum – Eine Sackgasse

Technologie und Fortschritt können etwas außerordentliches Schönes sein (man denke allein an die Medizin), doch zum großen Teil sind sie auch dafür mitverantwortlich, dass wir viele dieser Neuzeit-Probleme mit uns herumtragen. Maßgebend das wir uns so weit entwickelt haben ist die Fähigkeit des Menschen, nach dem Warum(?) zu fragen. Dieses einzige Wort hat eine ungeheure Kraftentfaltung, wie man an vielen Innovationen der heutigen Zeit unschwer erkennen kann.

Gleichzeitig und in einem System das ausschließlich auf Wachstum basiert schafft diese Frage einen Kreislauf des ständigen erneuten Fragens, wodurch neue Produkte entwickelt, Prozesse optimiert werden and so on. Jedenfalls so lange bis irgendwann die Grenze des Wachstums erreicht ist. Dieser Grenze nähern wir uns mit jedem Tag, doch wollen diese Tatsache am besten aus dem Bewusstsein verdrängen, denn sonst würde es ein radikales, lebensveränderndes Umdenken verlangen.

Grenze des Wachstums? Pah! Doch so ist es. Aktuell leben wir auf Kredit, denn unsere derzeitige Lebens- und Wirtschaftsweise verbraucht mehr natürliche Ressourcen als die Erde langfristig regenerieren kann. Das dies zum Scheitern verurteilt ist erklärt sich wohl von selbst. Natürlich kann man(cher) sagen, dass wir einfach andere Planeten suchen bzw. bewohnen könnten, jedoch würde diese nicht zu einer Bewusstseins- bzw. Verhaltensänderung führen. Das Resultat wäre also letztlich das selbe.

Technologie, die einzig wahre Lösung? Nicht!

Ich bin also nicht davon überzeugt, dass uns allein Technologie den Arsch retten kann. Zwar können wir damit vieles verbessern und optimieren, jedoch nur die Symptome und nicht die eigentliche Ursache behandeln. Die Ursache liegt in dem Denken des unendlichen Wachstums und dem damit verbundenen Streben des kontinuierlichen Fortschritts. Immer wieder einen Schritt weiter zu gehen, noch ein neues Produkt zu entwickeln, noch ein Auto zu verkaufen, noch ein Fahrrad zu besitzen, noch noch noch.

Das ständige Wachstum spiegelt sich in unserem Konsumverhalten, das nicht zuletzt durch raffinierte psychologische Taktiken gefördert und gefordert wird. Es ist schwer, sich diesem Verhalten zu entziehen und ich schreibe diesen Artikel nicht, um mich als Vorzeigestudenten zu positionieren. Im Gegenteil, ich sehe bei mir noch immensen Aufwand und Nachholbedarf, was diese Themen betrifft und gerade deswegen schreibe ich darüber.

Ich schreibe darüber, weil ich nicht auf ein optimales Ergebnis hinarbeite, nicht mein ganzes Leben optimieren möchte, sondern weil ich einen Weg der Mitte, ein Leben im weitgehenden Einklang mit der Natur gehen möchte. Ich möchte bewusst verzichten und auch bewusst einen Schritt zurücktreten, später vielleicht auch noch einen und noch einen. Ich möchte meine Kaufentscheidungen mit Bewusstsein treffen, vor allem aber unter der Bedingung, ob ich etwas wirklich brauche oder eben nicht.

Kleiner Schritt, große Wirkung

Die Lösung viele unserer Probleme sehe ich also gar nicht darin, dass wir von heute auf morgen alle unser komplettes Leben umkrempeln müssen, sondern das wir vielmehr den ersten Schritt gehen. Das wir beispielsweise gebraucht statt neu kaufen, das wir uns beim Einkaufen bewusst gegen etwas entscheiden (auch wenn unser Belohnungssystem danach verlangt). Das wir mehr Dinge des alltäglichen Alltags teilen, anstelle dessen, alles selbst zu besitzen. Sei es ein Auto, Werkzeug, Maschinen oder Gott weiß ich was.

Neben dem Schutz der natürlichen Ressourcen könnten wir dadurch auch großartige Nebeneffekte erzielen. Wir könnten wieder näher aneinander rücken, statt uns immer mehr zu spalten, da wir uns gegenseitig bräuchten, in Kontakt treten würden und später gar Gemeinsamkeiten auffinden würden. Selbst wenn wir völlig anderer Meinung in gewissen Themen sind. Wir würden weniger arbeiten müssen und könnten mehr Zeit mit der Familie, Freunden und den eigenen Hobbys verbringen, statt nur Geld gegen Zeit zu tauschen. Wie viele Elternteile gibt es, die ihr Kind vielleicht Abends für ne Stunde sehen?

Wir würden weniger gestresst, gehetzt und gereizt durch den Alltag gehen, wovon unsere Gesundheit enorm profitieren würde. Wir wären leistungsfähiger (nicht im Sinne der Leistungsgesellschaft), unternehmerlustiger, herzlicher, emphatischer und einfach mehr Mensch statt Maschine. Wir würden uns besser nähren und unseren Körper besser behandeln und nicht nur von einer Stressquelle zur nächsten rennen. Hier noch schnell das HIIT-Workout in die kurze Pause gepackt, hier noch schnell den Podcast in 2-facher Geschwindigkeit durchgeballert.

Nein, wir können uns nicht darauf ausruhen, dass die Politik, Gesetzgebung oder Innovationen uns die Arbeit abnehmen. Wir alle sind gefragt, auch wenn wir sicherlich oft den Gedanken aufblitzen sehen, dass dies alles doch eh nichts bringt. Den Gedanken, dass wir allein doch sowieso nichts bewegen können. Das ist nicht wahr. Ein marktwirtschaftliches Prinzip sagt: Die Nachfrage reguliert den Markt. Was also, wenn immer mehr Menschen gebraucht statt neu kaufen. Ich denke, das Ergebnis erklärt sich von selbst.

Reichtum auf Basis moderner Sklaverei

Ebenfalls sollte uns bewusst sein, dass es ein Privileg ist, diesen Pfad überhaupt einschlagen zu können. Uns geht es in dem westlichen Teil der Erde immens gut und ein überaus großer Teil von uns muss sich nicht mit Mangel auseinandersetzen. Ganz im Gegenteil. In vielen Ländern ist das allerdings keine Gegebenheit, geschweige den Selbstverständlichkeit. Dort kämpfen Menschen aller Generationen ums nackte Überleben und träumen von einem Lebensstandard wie wir ihn pflegen.

Sind wir ehrlich zu uns, so basiert ein großer Teil unseres Wohlstandes auf dem Rücken genau jener Menschen. Menschen die für wenig bis gar kein Geld unsere Produkte herstellen, die in unserem Müll (den wir in die Länder schicken) nach verwertbaren Materialien graben und Menschen, die trotz ihrer harten Arbeit keiner besonderen positiven Zukunft entgegenblicken. Menschen wie du und ich, mit den selben Bedürfnissen, Träumen und Wünschen. Menschen wie du und ich, mit dem selben Herzen, das im Rhythmus dieser Welt schlägt.

Mit nur einem kleinen Schritt könnten wir bereits ein Teil dieses Leids von den Schultern dieser Menschen nehmen. Mit nur einem kleinen Schritt könnten wir nicht nur regional, sondern vor allem auch global näher zusammenrücken. Mit nur einem kleinen Schritt haben wir die Möglichkeit die Welt nachhaltig und positiv zu beeinflussen. Ein kleiner Schritt.

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2 Kommentare

  1. Kevin, Du schreibst mir aus dem Herzen!
    Sehr gut und trefflich formuliert !

    Lasst uns ALLE den ersten Schritt tun
    für die Umwelt, für die nächste Generation, für das eigene Seelenheil!

    Wir müssen uns bewegen.

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